{"id":1339,"date":"1985-06-12T18:37:06","date_gmt":"1985-06-12T17:37:06","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/lqmusic-wp\/unkategorisiert\/pop-and-politics\/"},"modified":"2024-10-19T01:12:08","modified_gmt":"2024-10-19T00:12:08","slug":"pop-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.latinquartermusic.com\/de\/neu\/interviews\/pop-und-politik\/","title":{"rendered":"Pop und Politik"},"content":{"rendered":"\n<p>Lange galt der Leitsatz beides sei miteinander unvereinbar. Doch heute erreichen soziale und politisch engagierte Musiker wie Billy Bragg und Gruppen wie die &#8222;Redskins&#8220; und &#8222;Style Council&#8220; in Gro\u00dfbritannien Zehntausende von Zuh\u00f6rern und haben sich schon l\u00e4ngst aus dem musikalischen Ghetto der Hippies, Polit-Aktivisten und Sozialarbeiter abgesetzt. Politik und soziales Engagement sind in der Popmusik, die Massen von Zuh\u00f6rern erreicht, l\u00e4ngst Allgemeingut geworden. Doch w\u00e4hrend die genannten &#8222;Style Council&#8220; oder &#8222;Redskins&#8220; auf dem Kontinent lediglich eine kleine Zuh\u00f6rerschaft um sich scharen k\u00f6nnen, schickt sich mit &#8222;Latin Quarter&#8220; zum ersten Mal eine Band an, mit einem Schlage die Aufmerksamkeit ganz Europas auf sich zu ziehen. Bereits kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung ihrer zweiten Single &#8222;Radio Afrika&#8220; bezeichnete man in England &#8222;Latin Quarter&#8220; als eine der besten &#8222;Newcomer 1985&#8220;! Vor einigen Wochen erschien ihre erste LP. Titel: &#8222;Modern Times&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Als &#8218;Newcomer&#8216; bezeichnet zu werden, ist schon etwas verwirrend&#8220; erz\u00e4hlt Steve Skaith, seines Zeichen Gitarrist der Gruppe und zust\u00e4ndig f\u00fcr die musikalischen Parts ihrer Songs. &#8222;Vor gut vier Jahren haben wir angefangen, die Texte von Mike (Jones) zu vertonen. Damals waren seine Texte radikal und politisch und kein Musikverlag wollte sie haben. Erst aufgrund dieses Zustandes entschlo\u00dfen wir uns, selbst eine Gruppe zu gr\u00fcnden, einen eigenen Verlag und ein Label.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mike Jones selbst spielt nicht bei Latin Quarter, sondern liefert lediglich die Texte f\u00fcr die Songs. Der ehemalige Lehrer einer Technik-Schule in Liverpool schreibt bereits seit acht Jahren politisch engagierte Texte und ist seit seiner Grundschulzeit mit Steve Skaith befreundet.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich war schon w\u00e4hrend meiner High-School-Zeit in vielen linken Organisationen t\u00e4tig. Aber schon nach kurzer Zeit habe ich eingesehen, da\u00df man durch die Arbeit in politischen Gruppen nicht allzuviel erreichen kann. So begann ich, Texte f\u00fcr Popsongs zu schreiben, denn Pop ist f\u00fcr mich die M\u00f6glichkeit ein immenses gro\u00dfes Publikum zu erreichen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Steve Skaith machte sich in London rasch einen Namen als guter Songwriter und er war es auch, der die Musiker f\u00fcr &#8218;Latin Quarter&#8216; zusammensuchte, als alle Musikverlage und Plattenfirmen Mikes Texte dem Papierkorb anvertraut hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Steve: &#8222;Wir wollten von vornherein vermeiden, in diese typische Politrockkiste hineingesteckt zu werden, denn aus dieser Schublade gibt es dann kein Entrinnen mehr. Die meisten dieser Rockbands geraten in ein musikalisches &#8218;Ghetto&#8216;, und sie erreichen am Ende nur die Leute, die sich sowieso schon engagieren. Unser Ziel war es und wird es auch in Zukunft sein mit guter aktueller Popmusik Tausende zu erreichen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre LP &#8222;Modern Times&#8220;, benannt nach dem gleichnamigen Film von Charles Chaplin, unterstreicht dies deutlich. Synthi Pop, Funk, Reggae, Rock &#8211; fast jedes St\u00fcck besitzt einen anderen Stil, die gesamte LP ist praktisch eine Ansammlung aller denkbaren Spielarten des Modern Pop.<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: &#8222;Ich sch\u00e4tze Songwriter wie Paul Weller oder Billy Bragg eigentlich sehr. Sie bewirken etwas in den K\u00f6pfen der Leute, die ihnen zuh\u00f6ren und zusehen. Doch sie sind zu starrk\u00f6pfig und in ihrer Art viel zu emotionslos, um die f\u00fcr ihre Anliegen zu interessieren, die sich bislang einen Dreck um das geschert haben, was in der Welt und um sie herum geschieht. Im Grunde sind die Voraussetzungen g\u00fcnstig: noch nie war die Arbeitslosigkeit so hoch und noch nie war das Einkommen weiter Teile der Bev\u00f6lkerung so niedrig wie heute&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer nun hinter Latin Quarter revolutionshungrige Sp\u00e4t-Hippies sieht, liegt falsch. Keine Propaganda, sondern vielmehr &#8218;Kommentare zur Lage&#8216; wollen sie geben, einen Finger legen auf die wunden Punkte unseres gesellschaftlichen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Traurigkeit und Wut sind die Gef\u00fchle, die Popmusik seit Jahrzehnten h\u00f6renswert macht.&#8220; sagt Steve Skaith. &#8222;Ob der Song nun \u00fcber eine ungl\u00fcckliche Liebe handelt oder \u00fcber den Rassismus in S\u00fcdafrika wie in &#8218;Radio Afrika&#8216;.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst liebt die Musik von Alison Moyet und Paul Young \u00fcber alles. Latin Quarter wird auch in Zukunft f\u00fcr so manche musikalische \u00dcberraschung gut sein. Steve Jeffries spielte zusammen mit Howard Jones, Schlagzeuger Rikki Stevens mit Linton Kwesi Johnson bzw. &#8218;Annabel Lamb&#8216; und Carol Douet und Yona Dunsford, sammelten ihre ersten Erfahrungen in dem viel beachteten Frauenvocal-Trio &#8218;Soft Touch&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist heutzutage sehr schwierig. Pop mit politischen Texten zu vermengen.&#8220; sagt Mike Jones nachdenklich. &#8222;Doch ich vertraue Steve. Er hat einen Riecher f\u00fcr aktuelle Sounds. Wer wei\u00df, vielleicht klingen wir bald wie eine Mischung aus Bruce Springsteen und den Eurythmics&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>THOMAS BORK; ROCKSPEZIAL 1985<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange galt der Leitsatz beides sei miteinander unvereinbar. 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