{"id":1330,"date":"1985-09-22T18:50:44","date_gmt":"1985-09-22T17:50:44","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/lqmusic-wp\/unkategorisiert\/reggae-versus-bonzos-master\/"},"modified":"2024-10-19T01:02:56","modified_gmt":"2024-10-19T00:02:56","slug":"reggae-versus-bonzos-herrchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.latinquartermusic.com\/de\/neu\/artikel\/reggae-versus-bonzos-herrchen\/","title":{"rendered":"Reggae versus Bonzos Herrchen"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;Was macht das Wei\u00dfe Haus wei\u00df? Ist es Kreide? Nebel? Oder Angst? Bleiben sie die Nacht auf und schicken jemanden Bier holen? Mu\u00df Bonzo jetzt ins Bett?&#8220; (aus &#8222;America For Beginners&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Bonzo ist ein Schimpanse. Ein Film-Komparse, der 1951 an der Seite des wohl ber\u00fchmtesten Kino-Schurken und heutigen Polit-Ganoven der Vereinigten Staaten von Amerika vor der Kamera herumalberte. Sein damaliger Herr ist heute Hausherr jenes Wei\u00dfen Hauses in Washington: Ronald Reagan. Ronnie ist jene Filmszene mit dem Schimpansen heute sicher nicht mehr derart angenehm. Mike Jones aus Liverpool hingegen erinnert sich gerne und mit faustdicker Ironie an jenes Affentheater. So lie\u00df er es sich nicht nehmen, diese Impression in seinen engagierten Polit-Text zu der Musik von Steve Skaith einzubinden. Ronald Reagan m\u00f6gen beide nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mike und Steve sind Mitglieder der englischen Popband Latin Quarter. Vor etwa drei Jahren fingen sie an, gemeinsam Musik zu kreieren. Mike Jones, ex-Fachhochschullehrer, schrieb die Worte. Keine Herz-Schmerz-Brocken, sondern engagierte Gedanken und Aussagen mit gezielter politischer Richtung. Steve Skaith, damals noch als Lohnschreiber beim Chappel-Musikverlag in London t\u00e4tig, komponierte auf diese Texte die passende Musik. Er war froh, endlich f\u00fcr sich etwas Musikalisches verfassen zu k\u00f6nnen, und nicht, wie die Jahre zuvor, sich als Notenlieferant f\u00fcr Manilow&amp;Co. prostituieren zu m\u00fcssen. &#8222;Wir fingen einfach irgendwie an zu schreiben&#8220;, erinnert sich der hochgewachsene Engl\u00e4nder beim Interview im Hamburger Musikerhotel &#8222;After Midnight&#8220;. &#8222;Wir wu\u00dften nicht, wo es hinging, aber es war klar, da\u00df diese Songs nichts f\u00fcr Barry Manilow waren.&#8220; Emsig sammelte das Duo selbstkomponierte Songs auf Demo-Band und machten die Runde durch die Plattenfirmen. Zun\u00e4chst ohne Erfolg. Erst nachdem man eine Band gegr\u00fcndet hatte und die \u00fcbliche Ochsentour durch die Clubs startete, fanden sich die Talent-Scouts der Record Companies ein. Pl\u00f6tzlich war der Plattenvertrag kein Problem mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Erlebt man die siebenk\u00f6pfige Band Latin Quarter live auf der B\u00fchne, wie Anfang September bei ihrem dreit\u00e4gigen Gastspiel im Hamburger &#8222;Onkel P\u00f6&#8220;, so versteht man den Zugriff der Platten-Manager. Die f\u00fcnf wei\u00dfen und zwei schwarzen Musiker vermitteln eine Energie und Spielfreude, die man nicht allertage findet. Ihr individueller Mix aus Reggae, Rock, Funk und Pop ist pures musikalisches Elixier. Hier str\u00f6men die unterschiedlichen Gruppenerfahrungen der einzelnen Mitglieder &#8211; Linton Kwesi Johnson Band, Annabel Lamb Band &#8211; zu einer impulsiven Synthese zusammen. Mike Jones steht nicht mit auf der B\u00fchne. Er ist das achte, einzig als Texter aktive Mitglied von Latin Quarter.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Arbeit ist nicht minder bedeutend, im Gegenteil. Mit ungeheurer Sensibilit\u00e4t und wachem Verstand pickt er brisante zeitgen\u00f6ssische Themen aus dem Dschungel menschlichen Daseins und vertextet sie zu m\u00e4chtigen Aussagen. Fu\u00dfballkrieg, Apartheid, Nicaragua, franz\u00f6sischer Metallarbeiterstreik, Falkland-Desaster, Nelson Mandela, John Lennon und Ronald Reagan &#8211; seine Augen und Ohren sind st\u00e4ndig auf Empfang, seine Feder ist scharf wie ein Samurai-Schwert. Keineswegs koppelt sich der versierte Zeilen-Aktivist aber an irgendeinen Trend oder versucht aus aktuellem Polit-Stoff bare M\u00fcnze zu machen. Einen Song wie &#8222;Radio Africa&#8220; \u00fcber &#8222;das Monster Apartheid&#8220; verfa\u00dfte er bereits 1983, also 2 Jahre vor der augenblicklich eskalierenden Grausamkeit in S\u00fcdafrika. Auch &#8222;No Ordinary Return&#8220;, eine bittere Melodie \u00fcber einen gestrandeten, verzweifelten Fu\u00dfballfan, schrieb er vor zwanzig Monaten. Also vor der blutigen Liverpool-Turin-Schlacht in Br\u00fcssel.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir machen solche engagierte Musik nicht, um den Leuten etwas vorzupredigen&#8220;, wehrt der ehemalige Drucker Steve Skaith vehement jegliche Propaganda-Vorw\u00fcrfe ab. &#8222;Wir wollen tolle Songs schreiben mit einer Musik, die voller Emotionen steckt. Freude, \u00c4ngste, Traurigkeit, \u00c4rger, Frust, Ekstase &#8211; all das packen wir rein. Und die Texte, die politisch gef\u00e4rbt sind, m\u00fcssen sehr gut sein. Man mu\u00df die Worte respektieren. Mike schreibt nicht nur mit einer klaren Aussage, sondern auch mit einem pr\u00e4zisen Stil. Er spielt mit den Worten, um die Aussage mit scharfen Konturen zu versehen. Nat\u00fcrlich wollen wir nicht irgendeine neue Polit-Band sein. Wir schreiben nicht f\u00fcr bestimmte Gruppen oder Parteien. Wir wollen jeden etwas f\u00fcr die Probleme interessieren, die die ganze Menschheit angehen. Ich sehe mich aber nicht als Prediger oder als Propagandist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Song wie &#8222;Sandinista&#8220;, leider nicht auf dem gl\u00e4nzenden Deb\u00fct-Album &#8222;Modern Times&#8220; zu finden, sondern nur Teil des Live-Programms, attackieren Latin Quarter dennoch in massiver Propaganda-Weise. &#8222;Stimmt&#8220;, versichert Steve Skaith, &#8222;hier will ich ruhig als Propagandist auftreten. Die Probleme in Nicaragua und in ganz Mittel- und S\u00fcdamerika sprechen mich derart gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig an, da\u00df ich meine Wut rausbringen mu\u00df. Mein Ha\u00df mu\u00df die Feinde treffen. Einer von ihnen sitzt im Wei\u00dfen Haus.&#8220; Bonzos Herrchen. &#8222;Ihm mu\u00df ich zuschreien: Stop this!!!&#8220;, kommt Steve pl\u00f6tzlich emotionell in Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Sternenbanner weht \u00fcberall. M\u00e4nner in schwarzen Anz\u00fcgen fahren in unauff\u00e4lligen Autos. In Dritte-Welt-Kneipen schl\u00fcrfen sie ihre Jack Daniels. Sie sitzen am Rande des Abgrundes&#8220; (aus &#8222;America For Beginners&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Der pulsierende Groove des Reggae erscheint Melodien-Schmied Steve Skaith das beste Transportmittel f\u00fcr die kritischen Worte. Im Konzert best\u00e4tigte sich diese Rhythmuswahl umso mehr. Die Resonanz der versammelten Hamburger war \u00fcberaus euphorisch. Und Drummer Richard Stevens, &#8222;einer der besten Reggae-Schlagzeuger in London&#8220; (Steve Skaith), legte sich m\u00e4chtig ins Zeug und trommelte seine Vorderleute immer wieder nach vorne. Hier h\u00f6rte man seine Erfahrungen aus der Linton Kwesi Johnson Band. Auch Linton Kwesi agiert mit politischer Wort-Power. Reggae gegen Reagan.&lt;.p&gt;<\/p>\n\n\n\n<p>WILLI ANDRESEN; Fachblatt FOCUS 1985<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was macht das Wei\u00dfe Haus wei\u00df? Ist es Kreide? Nebel? Oder Angst? Bleiben sie die Nacht auf und schicken jemanden Bier holen? 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