{"id":1302,"date":"1997-05-28T18:05:23","date_gmt":"1997-05-28T17:05:23","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/lqmusic-wp\/unkategorisiert\/mike-jones-with-consumable\/"},"modified":"2024-10-19T01:13:25","modified_gmt":"2024-10-19T00:13:25","slug":"mike-jones-consumable-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.latinquartermusic.com\/de\/neu\/interviews\/mike-jones-consumable-interview\/","title":{"rendered":"Interview mit Mike Jones von Latin Quarter"},"content":{"rendered":"\n<p>von Reto Koradi &#8211; Consumable, Issue 110, May 28, 1997<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Leute erinnern sich vielleicht noch an Latin Quarter wegen ihres kleineren Hits Radio Africa vor \u00fcber 10 Jahren, aber davon abgesehen haben ihre vier letzten Alben nie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient h\u00e4tten. [&#8230;] Was von der Band mit einst rund 7 Mitgliedern geblieben ist, sind S\u00e4nger Steve Skaith und Gitarrist Richard Wright, zusammen mit Mike Jones, der immer noch die meisten Texte schreibt. Alle anderen Instrumente werden von Session-Musikern gespielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man die reduzierte Besetzung betrachtet, ist es nur logisch, da\u00df die Musik darunter leidet. Die Keyboards, die in den 80ern eine gro\u00dfe Rolle spielten, sind komplett verschwunden, und zumindest bei einigen St\u00fccken h\u00e4ngt die Musik st\u00e4rker als fr\u00fcher von Ba\u00df und Schlagzeug ab. Auch Fehlen &#8211; und \u00e4ltere Fans vermissen sie vermutlich &#8211; die Stimmen von Yona Dunsford und Carol Douet. Trotzdem sind die wirklichen Qualit\u00e4ten geblieben. Latin Quarter macht sch\u00f6ne und intelligente Musik, die sowohl den Verstand wie auch das Gem\u00fct anspricht. Und Steve Skaith ist weiterhin ein ausgezeichneter S\u00e4nger mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen bekannten klaren politischen Stellungnahmen in den Texten von Mike Jones sind auf dem aktuellen Album Bringing Rosa Home gr\u00f6\u00dftenteils verschwunden. Die Texte haben immer noch eine Botschaft, die sich aber kaum noch auf globale Politik bezieht, sondern eher auf einer sozialen und sogar pers\u00f6nlichen Ebene angesiedelt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Latin Quarter-Alben werden sich immer an der Deb\u00fct-Ver\u00f6ffentlichung Modern Times messen lassen m\u00fcssen, wohl eines der besten Alben der 80er. Obwohl Bringing Rosa Home eventuell nicht dieses Level erreicht, ist es immer noch ein gutes Album, das jedem empfohlen sei, der bereit ist, sich hineinzuh\u00f6ren und das mehr ist als blo\u00dfe Hintergrundberieselung.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable konnte Mike Jones fragen, was mit der Gruppe in der letzten Dekade passiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Die meisten Leute haben f\u00fcr fast 10 Jahre nichts von Latin Quarter geh\u00f6rt, und es schien, als ob Ihr Euch getrennt h\u00e4ttet. Was ist inzwischen passiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike Jones: Was das erste Latin Quarter &#8218;get\u00f6tet&#8216; hat, war das Scheitern der Fortsetzung zu Modern Times &#8211; Mick and Caroline. Die Kritiker ha\u00dften sie, und sie verkaufte sich schlechter als Modern Times. Vielleicht fehlte nur eine Hit-Single, aber zu unserem Abstieg trug noch mehr als das bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Teilweise war es eine Frage der Definition und Identit\u00e4t &#8211; drei S\u00e4nger waren nie eine gute Idee, genauso wie der &#8217;nicht spielende Textschreiber&#8216;. Gruppen wie The Beautiful South sind mit einer Besetzung und Material, wie wir es auf Swimming Against The Stream hatten, gut zurechtgekommen, aber sie pr\u00e4sentierten nichts, wogegen man Stellung beziehen konnte.<br>Also, was ich sage ist, da\u00df Mick and Caroline vielleicht gut oder schlecht war, aber das war nicht wichtig. Es wurden nicht genug Leute ermutigt, es zu kaufen, weil niemand wu\u00dfte, wie man Latin Quarter verkauft, und Latin Quarter wu\u00dfte selbst nicht, wie es sich verkaufen sollte. Steve wehrte sich gegen Marketing. Punkt. Die anderen hatten kein wirkliches Mitspracherecht; unser Manager wollte eine Rock-And-Roll-Band, und die Plattenfirma wollte die neuen Fleetwood Mac (so verstanden sie uns). Ich? Ich wollte ber\u00fchmt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wechsel zu RCA schien damals eine gute Idee zu sein. Auf Swimming waren einige gro\u00dfartige Songs, obwohl es dazu neigte, leblos zu klingen. Wir waren bei der Ver\u00f6ffentlichung absolut bedeutungslos, und &#8211; nochmals &#8211; es gab keine offensichtliche Hit-Single. Leute gingen, und Steve ha\u00dfte es, in einer Band zu sein, die er als musikalisch au\u00dfer Kontrolle geraten empfand. Richard bestand immer darauf, da\u00df die Band zu fr\u00fch gegr\u00fcndet worden war &#8211; das war besonders eine gro\u00dfe Ursache f\u00fcr die Spannungen zwischen uns und unserem Manager, Marcus Russell.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde klar, da\u00df die Band kein Gemeinschaftsunternehmen zwischen Steve und mir war. Da ich nicht spiele, hatte ich sehr wenig Macht. Andererseits war Marcus mein \u00e4ltester Freund, und es war nicht einfach, sich gegen ihn zu stellen. Er ha\u00dfte Swimming, und damals managte er The Bible, Johnny Marr and The The &#8211; er managt jetzt Oasis. Im Grunde haben wir ihn rausgeschmissen, aber er konnte es sich leisten, zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Deine Rolle in der Band klingt ungew\u00f6hnlich; war es wieder der Fall, das Du die Texte allein geschrieben und sie dem Rest der Band per Post zugeschickt hast? Oder gab es eine engere Interaktion, warst Du am Aufnahmeproze\u00df beteiligt?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Meine Rolle in der Band war immer ungew\u00f6hnlich, und ja, ich schickte die Texte zu Steve. Aber als wir das Geld hatten, war ich immer bei den Proben und Aufnahmen anwesend, und ich hatte keine Schwierigkeiten, etwas zu den Aufnahmen beizutragen oder musikalische wie textliche Ver\u00e4nderungen durchzuf\u00fchren, wenn sich die Gelegenheit ergab.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Was machst Du, wenn Du keine Texte f\u00fcr Latin Quarter schreibst?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Ich habe in den letzten Jahren unter anderem eine Doktorarbeit \u00fcber das Schaffen popul\u00e4rer Musik geschrieben, und ich habe Mick and Caroline als eine meiner Fallstudien benutzt. Es sind noch viele andere Sachen passiert, und es w\u00fcrde mir nach wie vor gefallen, am neuen &#8218;National Centre for Popular Music&#8216; beteiligt zu werden, das irgendwann demn\u00e4chst hier in Sheffield er\u00f6ffnet wird. Mittlerweile, als die Tantiemen schwanden, mu\u00dfte ich mehr und mehr unterrichten &#8211; und sehr wenig davon hat eine Verbindung zur Musik, es sind mehr Medien- und Kommunikations-Vorlesungen, die ich am hiesigen College gebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Die Texte auf dem neuen Album sind weniger politisch als fr\u00fcher. Worin liegt der Grund? Hat sich die Welt verbessert, so da\u00df Du keine Brennpunkte mehr siehst, oder hast Du aufgegeben, sie aufzuzeigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Die textlichen Ver\u00e4nderungen auf dem neuen Album sind bedacht. Latin Quarter war so anonym, da\u00df wir fanden, Steve solle als menschliches Wesen hervortreten, als jemand, zu dem die H\u00f6rer eine Verbindung haben. Ich ermutigte ihn, dies zu tun, deshalb sind Songs wie Angel und Branded auf dem Album &#8211; es sind Songs \u00fcber seine Liebesaff\u00e4ren. Au\u00dferdem fing ich an, mich wie ein &#8218;Krankenwagen-Verfolger&#8216; zu f\u00fchlen &#8211; &#8218;Guck, da sind menschliche Leiden, lass uns dar\u00fcber schreiben&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war der Krieg zwischen Kroatien und Serbien, der mich erledigt hat. Die Kroaten waren Nazi-Sympathisanten im letzten Krieg. Als sie mit ihren Greultaten anfingen, und die Serben antworteten, habe ich einfach aufgegeben. Auf viele Weisen habe ich meinen Enthusiasmus f\u00fcr Latin Quarter und f\u00fcrs Liederschreiben verloren; zehn Jahre ohne Erfolg sind einfach zu lang. Das ist teilweise der Grund, warum nur acht von zw\u00f6lf Texten auf dem Album von mir sind &#8211; er werden sogar noch weniger auf dem n\u00e4chsten. Die Songs auf Bringing Rosa Home neigen noch dazu, von Ungerechtigkeit zu handeln, aber auf eine individuellere Art.<br>Consumable: Glaubst Du, da\u00df die klaren politischen \u00c4u\u00dferungen in Deinen Texten zum Erfolg der Band beigetragen haben, oder k\u00f6nnte es sogar sein, da\u00df sie ein Problem darstellten?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Ich denke, da\u00df Latin Quarter letztendlich ignoriert wurde, weil sich all das Pop-Radio-Programm um &#8218;gute Zeiten&#8216; dreht, darum, eine k\u00fcnstliche &#8218;Party-Atmosph\u00e4re&#8216; zu erschaffen, Tag f\u00fcr Tag f\u00fcr Tag &#8211; und es gibt nur so wenig Platz f\u00fcr Musik, die nicht mit diesem Programm \u00fcbereinstimmt, lass&#8216; es Jungle, Einst\u00fcrzende Neubauten, Consolidated oder wen auch immer sein. Wir wurden f\u00fcrs ernstsein zensiert, nicht f\u00fcrs &#8218;politisch&#8216;-sein &#8211; das ist ein Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: La\u00df uns \u00fcber ein paar Songs von Bringing Rosa Home reden. Wer ist Rosa im Titelst\u00fcck?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: &#8218;Rosa&#8216; (nach Rosa Luxemburg) ist ein Pseudonym f\u00fcr Hilary Creek, einem Mitglied der britischen &#8218;Angry Brigade&#8216; &#8211; ein Name, den die Presse einer namenlosen marxistischen Terroristen-Zelle w\u00e4hrend der fr\u00fchen &#8217;70er gegeben hat. Das waren verr\u00fcckte Zeiten, und sie wurde im Gef\u00e4ngnis verr\u00fcckt &#8211; vielleicht hat sie sich mittlerweile erholt, ich wei\u00df es nicht. Ich bin mit Terrorismus nicht einverstanden, aber es liegt ein Pathos in der Weise, wie junge Leute so viel Engagement in sich entdecken und so hart f\u00fcr das arbeiten, was sie als Fortschritt definieren &#8211; dennoch \u00e4ndert sich nichts; so geht&#8217;s mir auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Come Down And Buy handelt vom Tourismus in armen L\u00e4ndern und \u00fcber die Einstellung, die die Leute dort zeigen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Ja, der Dritte-Welt-Tourismus-Song ist ziemlich zynisch. Ich habe ihn nach einem Trip nach Tunesien geschrieben. Ich war noch nie an einem so armen Ort, und Ich f\u00fchlte so viele Widerspr\u00fcche \u00fcber meinen privilegierten westlichen Hintergrund und dem Herumreisen in solch einem armen Land. Anti-Imperialist sein, aber in St\u00e4dten und D\u00f6rfern erscheinen, weil ich meine St\u00e4rke von eben diesem Imperialismus ableite. Ich f\u00fchlte genau so, als Latin Quarter nach Ostdeutschland ging, wie wir es zweimal getan haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Smoking Gun handelt von einem professionellen Killer?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Smoking Gun handelt von der T\u00f6tung der Kennedys und Matin Luther King. Mir ist immer noch nicht klar, wie die USA diese Attentate \u00fcberlebt haben, und wie ihr System die offensichtlichen Verd\u00e4chtigungen \u00fcberlebte, da\u00df Leute mit Macht diese Morde organisiert haben. Ich wollte aber auch den Sch\u00fctzen betrachten, wie er (wenn es ein &#8218;er&#8216; war) Genugtuung durch einen &#8218;erfolgreichen Job&#8216; erf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Older ist ein Leid \u00fcbers \u00c4lterwerden; ist das ein Thema, das Dich pers\u00f6nlich sorgt, oder beobachtest Du nur?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Older handelt von meinem Altern und vom \u00c4lterwerden allgemein. Wenn man sich dranmacht, Songs zu schreiben, von denen man erwartet, da\u00df sie die Welt ver\u00e4ndern, wird man klar von einer Menge jugendlichem Adrenalin getrieben. Das massive Scheitern von Latin Quarter hat mein Leben schwer angeschlagen &#8211; aber es hat mich zu einer weitaus st\u00e4rkeren Person gemacht, als ich sonst wohl geworden w\u00e4re. Es war eine harte, harte Lektion, die auf folgendes hinauslief: &#8222;Wenn Du Dich total hingeben willst, wei\u00dft Du verdammt noch mal besser vorher, in was Du da ger\u00e4tst&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Bist Du gl\u00fccklich mit dem, was Latin Quarter erreicht hat, oder bist Du manchmal verbittert, da\u00df ihr nicht mehr verkauft habt?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Ich bin nicht wirklich verbittert \u00fcber die Erfahrung mit Latin Quarter. Das Schreiben der Doktorarbeit hat mir wirklich geholfen, denn es gibt wesentlich mehr Bands, die scheitern, als welche, die erfolgreich werden, und ich habe mit Leuten gesprochen, denen es viel schlechter ging als Latin Quarter. Auch wei\u00df ich, was falsch lief, und warum es immer wahrscheinlich war, da\u00df wir keinen Erfolg hatten. Ich bin frustriert, weil ich mich f\u00fcr einen sehr guten Pop-Texter halte, und kaum jemand kennt irgendwo meine Arbeit; mittlerweile erh\u00e4lt Tim Rice Oscars, und Elvis Costello und Billy Bragg bekommen zehn Jahre des Lobs f\u00fcr das, was sie geschrieben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber bei Pop geht es nicht nur um Texte oder um Musik, es geht um die Organisation des Erfolgs, und die hatte Latin Quarter nie. Der Hauptgrund f\u00fcr den Erfolg von Oasis war Marcus Organisation &#8211; und er hat all das durch uns gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Consumable: Ist Bringing Rosa Home also der Beginn eines Comebacks von Latin Quarter, oder nur ein einmaliges Projekt?<\/p>\n\n\n\n<p>Mike: Soweit es Steve und Richard betrifft, war Latin Quarter nie weg. Au\u00dferdem erwarten sie, nach diesem Album noch andere zu machen, SPV hat ihnen den Eindruck vermittelt, da\u00df sie Latin Quarter als eine langfristige Verpflichtung ansehen. Ich habe demgegen\u00fcber gemischte Gef\u00fchle. Ich glaube nicht, das wir jemals das wiedererlangen k\u00f6nnen, was wir hatten, und mit Sicherheit nicht weit dar\u00fcber hinaus kommen. Grunds\u00e4tzlich denke ich, da\u00df ich das Kapitel Latin Quarter gerne schlie\u00dfen w\u00fcrde, es hat mit zu viel Kummer gebracht. Ich w\u00fcrde trotzdem gerne etwas Pop-Erfolg haben. Die Wahrheit ist, da\u00df ich wirklich gerne mein eigenes Album machen w\u00fcrde, ich hasse es, so von anderen abh\u00e4ngig zu sein und alles durch Steve und Richard filtern zu lassen. Ich bin sicher, da\u00df ich genug wei\u00df, um ein eigenes 12-Track-Album mit Session-Musikern zu organisieren. Ich br\u00e4uchte nur das Budget!<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Reto Koradi &#8211; Consumable, Issue 110, May 28, 1997 Einige Leute erinnern sich vielleicht noch an Latin Quarter wegen ihres kleineren Hits Radio Africa vor \u00fcber 10 Jahren, aber davon abgesehen haben ihre vier letzten Alben nie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient h\u00e4tten. 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