von Reto Koradi – Consumable, Issue 110, May 28, 1997

Einige Leute erinnern sich vielleicht noch an Latin Quarter wegen ihres kleineren Hits Radio Africa vor über 10 Jahren, aber davon abgesehen haben ihre vier letzten Alben nie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient hätten. […] Was von der Band mit einst rund 7 Mitgliedern geblieben ist, sind Sänger Steve Skaith und Gitarrist Richard Wright, zusammen mit Mike Jones, der immer noch die meisten Texte schreibt. Alle anderen Instrumente werden von Session-Musikern gespielt.

Wenn man die reduzierte Besetzung betrachtet, ist es nur logisch, daß die Musik darunter leidet. Die Keyboards, die in den 80ern eine große Rolle spielten, sind komplett verschwunden, und zumindest bei einigen Stücken hängt die Musik stärker als früher von Baß und Schlagzeug ab. Auch Fehlen – und ältere Fans vermissen sie vermutlich – die Stimmen von Yona Dunsford und Carol Douet. Trotzdem sind die wirklichen Qualitäten geblieben. Latin Quarter macht schöne und intelligente Musik, die sowohl den Verstand wie auch das Gemüt anspricht. Und Steve Skaith ist weiterhin ein ausgezeichneter Sänger mit viel Einfühlungsvermögen.

Die von früheren Veröffentlichungen bekannten klaren politischen Stellungnahmen in den Texten von Mike Jones sind auf dem aktuellen Album Bringing Rosa Home größtenteils verschwunden. Die Texte haben immer noch eine Botschaft, die sich aber kaum noch auf globale Politik bezieht, sondern eher auf einer sozialen und sogar persönlichen Ebene angesiedelt ist.

Alle Latin Quarter-Alben werden sich immer an der Debüt-Veröffentlichung Modern Times messen lassen müssen, wohl eines der besten Alben der 80er. Obwohl Bringing Rosa Home eventuell nicht dieses Level erreicht, ist es immer noch ein gutes Album, das jedem empfohlen sei, der bereit ist, sich hineinzuhören und das mehr ist als bloße Hintergrundberieselung.

Consumable konnte Mike Jones fragen, was mit der Gruppe in der letzten Dekade passiert ist.

Consumable: Die meisten Leute haben für fast 10 Jahre nichts von Latin Quarter gehört, und es schien, als ob Ihr Euch getrennt hättet. Was ist inzwischen passiert?

Mike Jones: Was das erste Latin Quarter ‚getötet‘ hat, war das Scheitern der Fortsetzung zu Modern Times – Mick and Caroline. Die Kritiker haßten sie, und sie verkaufte sich schlechter als Modern Times. Vielleicht fehlte nur eine Hit-Single, aber zu unserem Abstieg trug noch mehr als das bei.

Teilweise war es eine Frage der Definition und Identität – drei Sänger waren nie eine gute Idee, genauso wie der ’nicht spielende Textschreiber‘. Gruppen wie The Beautiful South sind mit einer Besetzung und Material, wie wir es auf Swimming Against The Stream hatten, gut zurechtgekommen, aber sie präsentierten nichts, wogegen man Stellung beziehen konnte.
Also, was ich sage ist, daß Mick and Caroline vielleicht gut oder schlecht war, aber das war nicht wichtig. Es wurden nicht genug Leute ermutigt, es zu kaufen, weil niemand wußte, wie man Latin Quarter verkauft, und Latin Quarter wußte selbst nicht, wie es sich verkaufen sollte. Steve wehrte sich gegen Marketing. Punkt. Die anderen hatten kein wirkliches Mitspracherecht; unser Manager wollte eine Rock-And-Roll-Band, und die Plattenfirma wollte die neuen Fleetwood Mac (so verstanden sie uns). Ich? Ich wollte berühmt sein.

Der Wechsel zu RCA schien damals eine gute Idee zu sein. Auf Swimming waren einige großartige Songs, obwohl es dazu neigte, leblos zu klingen. Wir waren bei der Veröffentlichung absolut bedeutungslos, und – nochmals – es gab keine offensichtliche Hit-Single. Leute gingen, und Steve haßte es, in einer Band zu sein, die er als musikalisch außer Kontrolle geraten empfand. Richard bestand immer darauf, daß die Band zu früh gegründet worden war – das war besonders eine große Ursache für die Spannungen zwischen uns und unserem Manager, Marcus Russell.

Es wurde klar, daß die Band kein Gemeinschaftsunternehmen zwischen Steve und mir war. Da ich nicht spiele, hatte ich sehr wenig Macht. Andererseits war Marcus mein ältester Freund, und es war nicht einfach, sich gegen ihn zu stellen. Er haßte Swimming, und damals managte er The Bible, Johnny Marr and The The – er managt jetzt Oasis. Im Grunde haben wir ihn rausgeschmissen, aber er konnte es sich leisten, zu gehen.

Consumable: Deine Rolle in der Band klingt ungewöhnlich; war es wieder der Fall, das Du die Texte allein geschrieben und sie dem Rest der Band per Post zugeschickt hast? Oder gab es eine engere Interaktion, warst Du am Aufnahmeprozeß beteiligt?

Mike: Meine Rolle in der Band war immer ungewöhnlich, und ja, ich schickte die Texte zu Steve. Aber als wir das Geld hatten, war ich immer bei den Proben und Aufnahmen anwesend, und ich hatte keine Schwierigkeiten, etwas zu den Aufnahmen beizutragen oder musikalische wie textliche Veränderungen durchzuführen, wenn sich die Gelegenheit ergab.

Consumable: Was machst Du, wenn Du keine Texte für Latin Quarter schreibst?

Mike: Ich habe in den letzten Jahren unter anderem eine Doktorarbeit über das Schaffen populärer Musik geschrieben, und ich habe Mick and Caroline als eine meiner Fallstudien benutzt. Es sind noch viele andere Sachen passiert, und es würde mir nach wie vor gefallen, am neuen ‚National Centre for Popular Music‘ beteiligt zu werden, das irgendwann demnächst hier in Sheffield eröffnet wird. Mittlerweile, als die Tantiemen schwanden, mußte ich mehr und mehr unterrichten – und sehr wenig davon hat eine Verbindung zur Musik, es sind mehr Medien- und Kommunikations-Vorlesungen, die ich am hiesigen College gebe.

Consumable: Die Texte auf dem neuen Album sind weniger politisch als früher. Worin liegt der Grund? Hat sich die Welt verbessert, so daß Du keine Brennpunkte mehr siehst, oder hast Du aufgegeben, sie aufzuzeigen?

Mike: Die textlichen Veränderungen auf dem neuen Album sind bedacht. Latin Quarter war so anonym, daß wir fanden, Steve solle als menschliches Wesen hervortreten, als jemand, zu dem die Hörer eine Verbindung haben. Ich ermutigte ihn, dies zu tun, deshalb sind Songs wie Angel und Branded auf dem Album – es sind Songs über seine Liebesaffären. Außerdem fing ich an, mich wie ein ‚Krankenwagen-Verfolger‘ zu fühlen – ‚Guck, da sind menschliche Leiden, lass uns darüber schreiben‘.

Es war der Krieg zwischen Kroatien und Serbien, der mich erledigt hat. Die Kroaten waren Nazi-Sympathisanten im letzten Krieg. Als sie mit ihren Greultaten anfingen, und die Serben antworteten, habe ich einfach aufgegeben. Auf viele Weisen habe ich meinen Enthusiasmus für Latin Quarter und fürs Liederschreiben verloren; zehn Jahre ohne Erfolg sind einfach zu lang. Das ist teilweise der Grund, warum nur acht von zwölf Texten auf dem Album von mir sind – er werden sogar noch weniger auf dem nächsten. Die Songs auf Bringing Rosa Home neigen noch dazu, von Ungerechtigkeit zu handeln, aber auf eine individuellere Art.
Consumable: Glaubst Du, daß die klaren politischen Äußerungen in Deinen Texten zum Erfolg der Band beigetragen haben, oder könnte es sogar sein, daß sie ein Problem darstellten?

Mike: Ich denke, daß Latin Quarter letztendlich ignoriert wurde, weil sich all das Pop-Radio-Programm um ‚gute Zeiten‘ dreht, darum, eine künstliche ‚Party-Atmosphäre‘ zu erschaffen, Tag für Tag für Tag – und es gibt nur so wenig Platz für Musik, die nicht mit diesem Programm übereinstimmt, lass‘ es Jungle, Einstürzende Neubauten, Consolidated oder wen auch immer sein. Wir wurden fürs ernstsein zensiert, nicht fürs ‚politisch‘-sein – das ist ein Unterschied.

Consumable: Laß uns über ein paar Songs von Bringing Rosa Home reden. Wer ist Rosa im Titelstück?

Mike: ‚Rosa‘ (nach Rosa Luxemburg) ist ein Pseudonym für Hilary Creek, einem Mitglied der britischen ‚Angry Brigade‘ – ein Name, den die Presse einer namenlosen marxistischen Terroristen-Zelle während der frühen ’70er gegeben hat. Das waren verrückte Zeiten, und sie wurde im Gefängnis verrückt – vielleicht hat sie sich mittlerweile erholt, ich weiß es nicht. Ich bin mit Terrorismus nicht einverstanden, aber es liegt ein Pathos in der Weise, wie junge Leute so viel Engagement in sich entdecken und so hart für das arbeiten, was sie als Fortschritt definieren – dennoch ändert sich nichts; so geht’s mir auch.

Consumable: Come Down And Buy handelt vom Tourismus in armen Ländern und über die Einstellung, die die Leute dort zeigen…

Mike: Ja, der Dritte-Welt-Tourismus-Song ist ziemlich zynisch. Ich habe ihn nach einem Trip nach Tunesien geschrieben. Ich war noch nie an einem so armen Ort, und Ich fühlte so viele Widersprüche über meinen privilegierten westlichen Hintergrund und dem Herumreisen in solch einem armen Land. Anti-Imperialist sein, aber in Städten und Dörfern erscheinen, weil ich meine Stärke von eben diesem Imperialismus ableite. Ich fühlte genau so, als Latin Quarter nach Ostdeutschland ging, wie wir es zweimal getan haben.

Consumable: Smoking Gun handelt von einem professionellen Killer?

Mike: Smoking Gun handelt von der Tötung der Kennedys und Matin Luther King. Mir ist immer noch nicht klar, wie die USA diese Attentate überlebt haben, und wie ihr System die offensichtlichen Verdächtigungen überlebte, daß Leute mit Macht diese Morde organisiert haben. Ich wollte aber auch den Schützen betrachten, wie er (wenn es ein ‚er‘ war) Genugtuung durch einen ‚erfolgreichen Job‘ erfährt.

Consumable: Older ist ein Leid übers Älterwerden; ist das ein Thema, das Dich persönlich sorgt, oder beobachtest Du nur?

Mike: Older handelt von meinem Altern und vom Älterwerden allgemein. Wenn man sich dranmacht, Songs zu schreiben, von denen man erwartet, daß sie die Welt verändern, wird man klar von einer Menge jugendlichem Adrenalin getrieben. Das massive Scheitern von Latin Quarter hat mein Leben schwer angeschlagen – aber es hat mich zu einer weitaus stärkeren Person gemacht, als ich sonst wohl geworden wäre. Es war eine harte, harte Lektion, die auf folgendes hinauslief: „Wenn Du Dich total hingeben willst, weißt Du verdammt noch mal besser vorher, in was Du da gerätst“.

Consumable: Bist Du glücklich mit dem, was Latin Quarter erreicht hat, oder bist Du manchmal verbittert, daß ihr nicht mehr verkauft habt?

Mike: Ich bin nicht wirklich verbittert über die Erfahrung mit Latin Quarter. Das Schreiben der Doktorarbeit hat mir wirklich geholfen, denn es gibt wesentlich mehr Bands, die scheitern, als welche, die erfolgreich werden, und ich habe mit Leuten gesprochen, denen es viel schlechter ging als Latin Quarter. Auch weiß ich, was falsch lief, und warum es immer wahrscheinlich war, daß wir keinen Erfolg hatten. Ich bin frustriert, weil ich mich für einen sehr guten Pop-Texter halte, und kaum jemand kennt irgendwo meine Arbeit; mittlerweile erhält Tim Rice Oscars, und Elvis Costello und Billy Bragg bekommen zehn Jahre des Lobs für das, was sie geschrieben haben.

Aber bei Pop geht es nicht nur um Texte oder um Musik, es geht um die Organisation des Erfolgs, und die hatte Latin Quarter nie. Der Hauptgrund für den Erfolg von Oasis war Marcus Organisation – und er hat all das durch uns gelernt.

Consumable: Ist Bringing Rosa Home also der Beginn eines Comebacks von Latin Quarter, oder nur ein einmaliges Projekt?

Mike: Soweit es Steve und Richard betrifft, war Latin Quarter nie weg. Außerdem erwarten sie, nach diesem Album noch andere zu machen, SPV hat ihnen den Eindruck vermittelt, daß sie Latin Quarter als eine langfristige Verpflichtung ansehen. Ich habe demgegenüber gemischte Gefühle. Ich glaube nicht, das wir jemals das wiedererlangen können, was wir hatten, und mit Sicherheit nicht weit darüber hinaus kommen. Grundsätzlich denke ich, daß ich das Kapitel Latin Quarter gerne schließen würde, es hat mit zu viel Kummer gebracht. Ich würde trotzdem gerne etwas Pop-Erfolg haben. Die Wahrheit ist, daß ich wirklich gerne mein eigenes Album machen würde, ich hasse es, so von anderen abhängig zu sein und alles durch Steve und Richard filtern zu lassen. Ich bin sicher, daß ich genug weiß, um ein eigenes 12-Track-Album mit Session-Musikern zu organisieren. Ich bräuchte nur das Budget!