Latin Quarter und The Dostoyevskys machten auf ihrer ai-Tour im Audimax Station

Im allgemeinen werden Popkonzerte erst einmal daran gemessen, wieviele Fans zum jeweiligen Ereignis pilgern. Bedeutende Gruppen konzertieren eben zuvörderst in großen Hallen. Wobei allerdings nicht selten die Bedeutung von den Zahlen des Plattenverkaufs und der Popularität abgeleitet wird und weniger von der künstlerischen Originalität. So sind manchmal die kleinen Sachen wirklich die feinen – so wie das Konzert von „Latin Quarter“ und „The Dostoyevskys“ zugunsten von amnesty international am Sonntag abend im Audimax der Justus-Liebig-Universität.

Angekündigt worden war das Benefizkonzert ohne die grellen Töne, die dem Popbusiness eigen sind: ein paar zurückhaltend gestaltete Plakate und ein mehr erklärender als werbender Handzettel, das war’s. Ein Fall von wohldosiertem Understatement – das sollte sich im Verlauf des langen, langen Abends zeigen. Dies lag zum einen an der ganz und gar ungewöhnlichen Organisation: Nicht Vorgruppe and „Top-Act“ konzertierten nacheinander, sondern sie musizierten und sangen miteinander. Zum zweiten, und das war das Entscheidende, entfachten die Musiker eine ausgezeichnete Feten-Stimmung, die bar jeder Hektik war und auch das Inhaltliche nicht zu sehr in den Hintergrund drückte.

Die Überraschung des Abends boten dabei „The Dostoyevskys“. Das hierzulande noch weitgehend unbekannte Sextett mischt keltische und osteuropäische Folklore mit Rock- und Funkelementen zu einer originellen, hauptsächlich explosiven, aber auch mal melancholischen Mischung. Die Waliser um ihren kreativen Kopf Wayne Jackson, der früher „Roadie“ bei „Latin Quarter“ war, glänzten über zwei Stunden lang mit einer beispielhaften Spielfreude, die man bei so vielen Routine-Rockern oft vermissen muß.

Das Publikum tanzte ausgelassen, einzelne fühlten sich sogar animiert, Volkstänze zu imitieren. (Im übrigen: Wenn man sich vor Ohren führt, wie viele Flachpfeifen die Charts prägen, dann darf man es einen bezeichnenden Aberwitz nennen, daß bislang keine Plattenfirma diese Folk-Band unter Vertrag genommen hat.) Den musikalischen Kontrapunkt zu „The Dostoyevskys“ setzten „Latin Quarter“: Bei den Songs der mittlerweile auf ein Duo geschrumpften Band dominieren eindeutig die leisen, die nachdenklich-anklagenden Töne. Sänger Steve Skaith und sein Gitarrist Richard Wright singen im Sinne von amnesty international: Ihre Texte prangern Menschenrechtsverletzungen und politische Heuchelei an – keineswegs mit dem verbalen Hammer, sondern feinsinnig, aber unmißverständlich. Auch musikalisch brachten sie andere Nuancen zu Gehör als „The Dostoyevskys“.

Zwar trifft auch hier das Prädikat Folk-Band. Doch stammen die Folklore-Elemente nicht aus der „alten“, sondern vornehmlich aus der „neuen Welt“ und aus Afrika: US-Folk, lateinamerikanische Rhythmen und Blues beschlossen den zweiten Teil des „Konzertes für die Menschenrechte“. Dieser war nicht allein wegen der intensiven Interpretation von „Radio Africa“ hörenswert, wofür das erstaunliche Stehvermögen der rund 600 Fans als Ausweis gelten konnte.

Knapp vier Stunden tolle Folk-Musik moderner Spielart boten die beiden Bands. Für 24 DM an der Abendkasse erhielt man zudem ein erstklassiges Preis-Stunden-Verhältnis. Wer Folklore mag, aber nicht im Audimax war, darf sich ärgern. Oder am kommenden Samstag nach Siegen fahren, wo die beiden Gruppen die amnesty-Tour fortsetzen werden.

(Gießenden Zeitung, 26.10.1992)