Mal zynisch, mal zärtlich

Wer erinnert sich nicht an ihren Riesenhit Mitte der Achtziger? In „Radio Africa“ reflektierte die Birminghamer Band Latin Quarter soziale und politische Probleme auf dem schwarzen Kontinent. Aber sie verpackte ernste Themen in eingängige Melodien lockerer Popsongs. Worin Kritiker der Gruppe bereits einen Widerspruch sahen, war nur ein Prinzip, die Fans über einen Ohrwurm an die schwierigen Textinhalte heranzuführen.

Wirklich seltsam mutete nur an, daß die Musiker, denen an Kommunikation gelegen war, mit sauertöpfischer Miene und Betroffenheit im Gesichtsausdruck vors Publikum traten. Da konnte einem jegliche Lust am Zuhören vergehen.

„Das stimmt wohl“, nimmt der Sänger Steve Skaith die späte Schelte gelassen entgegen. „Das war Mitte der Achtziger, wir waren noch ziemlich nervös auf der Bühne, wußten nicht so recht, wie wir uns geben sollten.“ Latin Quarter wurde auch angekreidet, daß sie sich für alles Übel in der Welt verantwortlich fühlten, jegliche Konflikte rund um den Globus auf ihren Platten verwursteten. „Politisch links orientiertes internationales Problembewußtsein“, kommentiert Skaith die damalige Haltung der Band – längst mit einem Anflug von Selbstironie.

Heute gehen es Steve, der Gitarrist Richard Wright und ihr Songtexter Mike Jones lockerer und persönlicher an. Die Drei sind als Nukleus der Band übriggeblieben. Die Latin-Quarter-Musiker hatten sich gegenseitig aufgerieben. Wir langweilten uns nur noch“, nimmt Steve kein Blatt vor den Mund, „also lösten wir die Band auf.“ Sie blieben aber untereinander befreundet, trafen sich privat. Und als Steve, Richard und Mike wieder Songs zusammen schrieben, hatten die anderen nichts gegen eine Platten-Veröffentlichung unter dem alten Namen. Wichtig für das modifizierte Selbstverständnis von Latin Quarter war ein Treffen mit den Bhundu Boys. Bei einem Benefiz-Konzert in Oxford kamen sie mit den Afrikanern zusammen. Gemeinsam entstand eine neue Version des Klassikers „Radio Africa“. Und man komponierte und produzierte sogar neue Stücke.

„Die Kooperation war so easy“, schwärmt Skaith von den Aufnahmen. „Die Bhundu Boys spielen und leben Musik so selbstverständlich: sie kommen ins Studio, stimmen ihre Gitarren, stöpseln sie in die Verstärker ein und spielen.“ Fasziniert von so viel Natürlichkeit im Umgang mit Musik, ließen sich Latin Quarter davon anstecken. Außerdem lernten sie, wie Musiker, die Leid am eigenen Leib erfuhren, künstlerisch Problembewältigung betreiben. „Dance the blues away“ heißt auch da wieder die Losung: Leid durch das Spiel in Freude transformieren.

„Long Pig“ (Cloud Nine/veraBra), ihr brandaktuelles Album, haben Latin Quarter für ein deutsches Label eingespielt. Trotz Songs über Golfkrieg, Sandinisten, Aids: die Lyrics sind keine Parolen, folgen keinen Slogans, haben nichts Programmatisches. Es sind persönliche Erlebnisse, die zum Anlaß genommen werden, über Gott und die Welt nachzudenken, mal zynisch, mal zärtlich. „Es ist schon ein melancholisches Album“, weiß Skaith. „Aber mit einem positiven Geist dahinter.“

Für ihre Konzerte versprechen sie jedenfalls mehr Fun als früher. Nachzuprüfen am Samstag, 4. Dezember, im Marburger Audimax.

DETLEF KINSLER; 27.11.1993 F.A.Z.