von Peter Seeger

Unter dem Namen LATIN QUARTER schaffte 1985 eine junge englische Band den Durchbruch, die – zumindest musikalisch – gegen den Strom schwamm (so auch der Titel einer späteren LP). Eine Mischung aus Latin, Reggae und Rock vorgetragen von ausschließlich erstklassigen Musikern ergab eine Sound der zu dieser Zeit einmalig und faszinierend zugleich war, und nie den Verdacht aufkommen ließ, „daß man es mit allen Mitteln versucht“.

Außergewöhnlich war auch, daß die Gruppe mit Carol Douet, Yona Dunsford und Steve Skaith drei absolut gleichwertige Solosänger besaß. Weiterhin gehörten der ersten Besetzung Greg Harewood (Bass), Steve Jeffries (Keyboards), Richard Stevens (Drums) und Richard Wright (Gitarre) an. Alle Texte schrieb Mike Jones, den die Gruppe als „Bandmitglied“ bezeichnete, obwohl er im Hintergrund blieb. Steve Skaith zeichnete als Komponist für nahezu alle Songs verantwortlich.

Der damals über 30-jährige Steve Skaith hielt die Fäden in der Hand. Er und Lyriker Mike Jones waren die Macher und boten eine Qualität, die nur in der Popmuik der sechziger Jahre zu finden war. Deshalb kann man sie ohne Weiteres als „Children of the Sixties“ bezeichnen. Gegen den Strom schwamm die Gruppe deshalb, weil Jones es wagte ausschließlich ernste, ja oft sehr deprimierende Themen textlich zu verarbeiten: Apartheit, Krieg, Tierquälerei, Machtmißbrauch und Einsamkeit wurden in den Songs angesprochen. Mandela, die Sandinisten und die diskriminierende Behandlung der schwarzen Blues-Sangerin Billie Holiday („The Freight Elevator“) wurden wiederholt glaubwürdig einbezogen.

Angefangen haben sie 1984 auf dem kleinen „Ignition“ – Label mit der Single „Radio Africa“/ „Eddie“. Gleich mit der ersten Veröffentlichung machte Mike Jones klar was seine Botschaft war. Aber seine Texte waren kompliziert und so entschloß sich die spätere Plattenfirma Rockin‘ Horse-Records zu den Texten auch Textkommentare in Deutsch der jeweiligen LP beizulegen. Eine sehr lohnende Angelegenheit. Der erste Titel „Radio Africa“ wies sogleich auf die Schwierigkeiten in Südafrika hin: „Nur schlechte Nachrichten in Radio Africa. In Südafrica regiert immer noch das Monster Apartheid. Die Länder im Western beklagen sich über die Entwicklungshilfe. Beim Handel mit den Industrienationen werden sie benachteilgt: Sie tauschen billige Rohstoffe gegen teure Fertigprodukte. Beim Krieg im Ogaden 1977/1978 unterstütze Moskau zunächst die sozialistische Regierung von Somalia, lieferte aber dann Waffen an die äthiopische Diktatur.“ (Auszug aus der Texterläuterung zu „Radio Africa“).

Beim B-Seiten-Titel „Eddie“ beschreibt Jones Perversität und Folgen des Krieges: „Zwischen den Waggons eines vorbeifahrenden Zuges sehe ich, wie das Wasser des Sees sich kräuselt. Bei mir zu Hause sitzt Eddie, er ist verrückt geworden. In der Ferne hörte er das Meeresrauschen. Es klang wie das Knistern beim CB-Funk. Eddie hatte einen Knacks bekommen, und als sie ihn gefunden hatten, machten sie ihn völlig kaputt. Jetzt ist er in Gedanken immer noch auf dem Schlachtfeld von Goose Green und wartel bis spät in die Nacht, daß die Hubschrauber ihn abholen. „Freuet Euch!“ sagte Magaret Thatcher, als die Nachricht vom Sieg auf den Falklands kam. Bei der Rückkehr der Soldaten wimmelt es im Hafen vor Zeitungsleuten. Kleine Boote schaukeln auf und ab, wie 1940 vor Dünkirchen, als die geschlagene britische Armee von einer riesigen Menge von Zivilschiffen aufgelesen und gerettet wurde. Mit dem Zug geht’s weither zum großen Empfang, und einer ruft: „Gut gemacht, Eddie!“ Wir könnten auf dem Rummelplatz am See endlos Riesenrad fahren, wir wüßten immer noch nicht was Eddie fühlt!“ (Text-Kommentar zu „Eddie“). Mit solchen Texten kann man doch auf dem Pop-Musik-Sektor keinen Erfolg haben, sollte man unweigerlich denken. Eben doch! Latin Quarter bewiesen, daß anspruchsvolle, aktuelle Themen eingebunden in ideenreiche, eingängige, teils zarte Melodien ihren Weg zum Publikum finden können.

Die englische Plattenfirma Rockin‘ House-Records erkannte dies und gab 1985 der Gruppe die Chance ihre Botschaften einem breiten Publikum kundzutun. Die erste LP „Modern Times“ steht bis heute als Beispiel für eine LP ohne schwachen Punkt. Neben den geringfügig geänderten Versionen von „Radio Africa“ und „Eddie“ stachen neun weitere ausgezeichnete Songs hervor, von denen „Modern Times“, „No Rope As Long As Time“, „Truth About John“ und „America For Beginners“ die bekanntesten sind.

Live und weitere Plattenprojekte

Der Single-Erfolg von „Modern Times“ bescherte der Band schnell eine feste Fan-Gemeinde in England und Deutschland. Ihr Aktionsfeld waren kleine bis mittlere Auditorien mit einem Fassungsvermögen von ca. 1000 Leuten. Das Publikum bestand aus Jugendlichen bis Twens, die die Songs der Band umzusetzen wußten, muksmäuschenstill sein konnten während Songs wie „Cora“ oder „Eddie“ leise vorgetragen wurden, aber auch begeistert mitgingen, wenn Songs wie „Modern Times“ oder „Truth About John“ für Stimmung sorgten.

Latin Quarter auf der Bühne war ein Live-Ereignes erster Güte. Der gestandene Steve Skaith führte durch das Programm, war ein sicherer und sympathischer Performer. Kollegial wechselten sich die Gesangssolisten ab. Die dunkelhäutige Sängerin und Percussionistin Carol Douet präsentierte mit angenehm weicher, etwas tieferer Stimme Songs, die Mike Jones direkt auf sie zugeschnitten zu haben schien: „No Rope As Long As Time“, „The Freight Elevator“ und „The Men Below“ waren ihr Metier. Die junge Yona Dunsford spielte Keyboards und war für Songs wie „The Night“, „The New Millionaires“, „Burn Again“, „Cora“ oder „I Together“ verantwortlich. Bei Steve Skaith‘ Vorträgen bildeten die Damen gleichzeitig den Chor. Das alles erzeugte eine Kraft, ein Engagement und eine Glaubwürdigkeit, die das Publikum zu Beifallsstürmen bewegte. Stellenweise erhielt die Band Ovationen, die minutenlange Konzertunterbrechungen zur Folge hatten. Erst nachdem das Publikum seine Anerkennung voll ausgeklatscht hatte, konnte mit dem nächsten Titel fortgefahren werden.

Die anderen Musiker nahmen an den Gesangsparts nicht teil. Sie hatten an dem live Erfolg durch ihre gefühlvolle und ausgereifte Instrumentierung jedoch entscheidenden Anteil. Steve Skaith ließ bei seinen Interpretationen leider allzu oft den Eindruck aufkommen, er würde sich zu sehr mit der Depression der Texte identifizieren. Mit seinem weinerlichen Gesang überspannte er den Bogen dann doch ein wenig.

Latin Quarter waren immer bestrebt, dem Publikum das Optimale für sein Geld anzubieten. Nahezu jede Single und jede Maxi-Single enthielten zusätzliche Songs, die auf den LP’s nicht zu finden waren. Schon nach der zweiten LP hatten sie alleine als Zusatztracks so viele Songs veröffentlicht, daß diese leicht für eine dritte LP gereicht hätten.

Richtig war, daß die Gruppe nach dem Erfolg der ersten LP zwei Jahre wartete bis sie die nächste veröffentlichte. „Mick And Caroline“ hieß das Werk mit zehn erneut unwiderstehlich guten Songs: „Nomzamo“ ist der zweite Vorname Winnie Mandelas, der Jones diesen Song widmet. In „The Men Below“ erzählt Carol Douet die Geschichte der englischen Bergarbeiter, die verzweifelt und doch vergeblich versuchten, ihre Arbeitsplätze zu erhalten. „Burn Again“, ein großartiger Song über die Probleme Nicaraguas: „Muß Nicaragua wieder brennen, weil es den USA danach ist, wiedergeboren zu werden? Die USA spielen mit Mittelamerika, als wäre es ein Spielautomat.“ Ein deprimierender Text, zweifellos gehört er zu Jones‘ besten Lyrics. Den Song singt Yona Dunsford. Auch mit der LP „Mick And Caroline“ bietet die Gruppe herausragende Musik und Lyrics.

Die Deutschlandtournee 1987, verbunden mit vielen Fernsehauftritten war ein weiterer Höhepunkt. 1989 brachte die dritte LP „Swimming Against The Stream“ entscheidende Veränderungen für Latin Quarter. Keyboarder Martin Lascelles und Sängerin Carol Douet liierten (Are you sure this is a word?! Never heard of it and it’s not in the Duden! But then, no word I look up because I don’t know the meaning ever is…) sich und schieden aus der Band aus. Der Ausfall der Sängerin war für die Gruppe nur schwer zu verkraften. Zwar war man klug genug keine Nachfolgerin zu verpflichten, doch Steve Skaith und Yona Dunsford konnten die auf Carol zugeschnitten Songs nicht mehr so überzeugend interpretieren. Wichtige Songs wie „No Rope As Long As Time“ ließ man im Konzert ganz weg – auch richtig. Aber das Konzept wackelte.

Die LP „Swimming Against The Stream“ enthielt wieder die bewährten Lyrics von Mike Jones, der sich nun auch anderen Themen zuwandte, wenn auch das Thema Apartheid im Vordergrund blieb. Herausragend hier der Song „Slow Waltz For Chile“: „Ein Lied über die Arbeit in Solidaritätskampagnen für den Sozialismus unter Allende und gegen die Diktatur unter Pinochet in Chile.“ (So die Erläuterung zum Text auf der LP-Beilage).

In „Dominion“ legt Jones schonungslos die Verbrechen der Menschen an den Tieren offen. Der Song wurde auch als Titelmelodie des Dokumentarfilmes „Wir töten was wir lieben“ verwendet. Peinlich geriet aber die deutsch gesungene Single-Version von „Dominion“, die man kaum verstehen konnte. So ist es Skaith nicht vorzuwerfen, daß er die deutsche Sprache nicht beherrscht, nur hätte er es besser unterlassen sollen eine solche Produktion aufzunehmen.

„Swimming Against The Stream“ zeigte trotz erneut guter Songs, daß der Gruppe keine lange Existenz beschieden sein würde. Zu sehr drängte sich nun Steve Skaith als Sänger in den Vordergrund. Die verbliebene Sängerin Yoga Dunsford kam kaum noch zu Wort. Skaith wurde bei seinen Interpretationen immer depressiver und glaubte darin die hohe Kunst bieten zu müssen. Das einst so erfolgreiche Latin Quarter-Konzept hatte sein Ende gefunden.

Ende 1989 erfüllte die Band noch einige vertragliche Verpflichtungen, speziell für das Fernsehen und um noch die Singles „Dominion“ und „I Together“ zu promotion. Danach wurde die Auflösung bekanntgegeben. Steve Skaith und Yona Dunsford wollten zwei neue Gruppen gründen, Mike Jones wollte weiterhin für beide seine Lyrics schreiben.

Im Oktober 1990 kam aber überraschend noch eine LP mit dem Titel „Nothing Like Velvet“ auf den Markt, die teils unveröffentlichte Demosongs, teils Live Titel enthielt. Neben sehr schönen Songs wie „The Colour Scheme“ und „The Big Pool“ kamen auch unverständlich schwache Live Versionen von „Snow Blind“ und „See Him“, sowie unausgereifte Demos von „Nothing Like Velvet“ oder „February 1990“ auf die CD, die mit 20 Songs eine Spieldauer von 68 Minuten hatte und so die Schwächen wieder wettmachte. Dem Coververmerk nach war die Band mit Veröffentlichung dieser Songs einverstanden. So sehr man sich über das Angebot alternativer und unveröffentlichter Titel freuen sollte, so darf aber auch nicht außer acht gelassen werden, daß nach drei großartigen LP’s die Schaffensperiode von Latin Quarter makellos gewesen wäre. Die vierte, vielleicht aus Vertragsgründen, veröffentlichte LP mindert den Gesamteindruck etwas.

Völlig unvermittelt brachte BCM-Records im Herbst 1991 eine CD mit vier verschiedenen Radio Africa Versionen heraus. Gleichzeitig kam RCA ebenfalls mit einer 4-Track-CD auf der widerum drei Radio Africa Versionen und der bisher unveröffentlichte Titel „Older“ waren. Ein Zeichen für eine neue Latin Quarter Ära oder nur ein Griff in die Vorratskiste? Wer wies es!?!

1991: Mandela ist frei, seine Frau etwas in Mißkredit geraten – sollten damit Mike Jones und Latin Quarter ihre Pflicht erfüllt haben und ihr Rückzug von den Konzertsälen berechtigt sein? Gerade das ist nicht der Fall!

Mit Latin Quarter wurden die ansonsten musikalisch eher ideenlosen 80er Jahre so eindrucksvoll bereichert, daß es schwerfällt auf sie zu verzichten. Mike Jones sollte noch genug Themen finden, die Öffentlichkeit weiterhin wachzurütteln. Apartheit und Ungerechtigkeit. Korruption und Machtgier werden weiterhin unendlich viel Schmerz bereiten. Jones und die Sänger und Musiker, die seine Lyrics verbreitet haben, leisteten einen wichtigen Anteil um die Menschen wenigstens zum Nachdenken anzuregen.

Die Diskografie

Der dritte und letzte Teil der Latin Quarter Story folgt im nächsten GOOD TIMES. Obwohl die Band nur 4 LP’s veröffentlichte, brachte sie noch sehr viele Singles, Maxi-Singles und CD-Singles, die so viel erwähnenswertes Material enthalten, daß der dritte Teil ganz der Latin Quarter Diskografie gewidmet ist.

Während ihrer 5-jährigen Existenz haben LATIN QUARTER ein reizvolles musikalisches Werk geschaffen. Alle LP’s sind auf Vinyl und Metall erhältlich. Interessant sind die Singles und Maxi-Singles durch ihre teilweise alternativen Versionen bzw. etlichen Songs, für die auf den LP’s kein Platz mehr war.

Nebenbei wurden die Platten noch in geschmackvollen Covers und die LP’s mit deutschen Texterläuterungen herausgegeben. Sind die LP’s noch leicht als CD’s erhältlich, so ist dies mit den Singles wesentlich schwerer. Außer „Modern Times“ waren die Singles keine ausgesprochenen Chart-Erfolge. Auf Plattenbörsen dürften die Singles und Maxis aber noch recht preisgünstig zu erwerben sein. Ob sie später einmal zu Sammlerstücken, also zu teuren Raritäten werben, kann man heute noch nicht sagen. Eines ist aber sicher: Massenware werden sie nicht sein! Jedenfalls ist eine LATIN QUARTER Sammlung schon heute ein wichtiger Teil der Rockgeschichte der achtziger Jahre!

In unserer folgenden Diskografie werden nur die Englischen Singles, sowie die Deutschen LP’s (Englische sind identisch) aufgeführt.

© GOOD TIMES, AUSGABE NR. 1, MÄRZ 1992, AUSGABE NR. 2, JUNI 1992, AUSGABE NR. 4, DEZEMBER 1992