Lange galt der Leitsatz beides sei miteinander unvereinbar. Doch heute erreichen soziale und politisch engagierte Musiker wie Billy Bragg und Gruppen wie die „Redskins“ und „Style Council“ in Großbritannien Zehntausende von Zuhörern und haben sich schon längst aus dem musikalischen Ghetto der Hippies, Polit-Aktivisten und Sozialarbeiter abgesetzt. Politik und soziales Engagement sind in der Popmusik, die Massen von Zuhörern erreicht, längst Allgemeingut geworden. Doch während die genannten „Style Council“ oder „Redskins“ auf dem Kontinent lediglich eine kleine Zuhörerschaft um sich scharen können, schickt sich mit „Latin Quarter“ zum ersten Mal eine Band an, mit einem Schlage die Aufmerksamkeit ganz Europas auf sich zu ziehen. Bereits kurz nach der Veröffentlichung ihrer zweiten Single „Radio Afrika“ bezeichnete man in England „Latin Quarter“ als eine der besten „Newcomer 1985“! Vor einigen Wochen erschien ihre erste LP. Titel: „Modern Times“.

„Als ‚Newcomer‘ bezeichnet zu werden, ist schon etwas verwirrend“ erzählt Steve Skaith, seines Zeichen Gitarrist der Gruppe und zuständig für die musikalischen Parts ihrer Songs. „Vor gut vier Jahren haben wir angefangen, die Texte von Mike (Jones) zu vertonen. Damals waren seine Texte radikal und politisch und kein Musikverlag wollte sie haben. Erst aufgrund dieses Zustandes entschloßen wir uns, selbst eine Gruppe zu gründen, einen eigenen Verlag und ein Label.“

Mike Jones selbst spielt nicht bei Latin Quarter, sondern liefert lediglich die Texte für die Songs. Der ehemalige Lehrer einer Technik-Schule in Liverpool schreibt bereits seit acht Jahren politisch engagierte Texte und ist seit seiner Grundschulzeit mit Steve Skaith befreundet.

„Ich war schon während meiner High-School-Zeit in vielen linken Organisationen tätig. Aber schon nach kurzer Zeit habe ich eingesehen, daß man durch die Arbeit in politischen Gruppen nicht allzuviel erreichen kann. So begann ich, Texte für Popsongs zu schreiben, denn Pop ist für mich die Möglichkeit ein immenses großes Publikum zu erreichen.“

Steve Skaith machte sich in London rasch einen Namen als guter Songwriter und er war es auch, der die Musiker für ‚Latin Quarter‘ zusammensuchte, als alle Musikverlage und Plattenfirmen Mikes Texte dem Papierkorb anvertraut hatten.

Steve: „Wir wollten von vornherein vermeiden, in diese typische Politrockkiste hineingesteckt zu werden, denn aus dieser Schublade gibt es dann kein Entrinnen mehr. Die meisten dieser Rockbands geraten in ein musikalisches ‚Ghetto‘, und sie erreichen am Ende nur die Leute, die sich sowieso schon engagieren. Unser Ziel war es und wird es auch in Zukunft sein mit guter aktueller Popmusik Tausende zu erreichen.“

Ihre LP „Modern Times“, benannt nach dem gleichnamigen Film von Charles Chaplin, unterstreicht dies deutlich. Synthi Pop, Funk, Reggae, Rock – fast jedes Stück besitzt einen anderen Stil, die gesamte LP ist praktisch eine Ansammlung aller denkbaren Spielarten des Modern Pop.

Mike: „Ich schätze Songwriter wie Paul Weller oder Billy Bragg eigentlich sehr. Sie bewirken etwas in den Köpfen der Leute, die ihnen zuhören und zusehen. Doch sie sind zu starrköpfig und in ihrer Art viel zu emotionslos, um die für ihre Anliegen zu interessieren, die sich bislang einen Dreck um das geschert haben, was in der Welt und um sie herum geschieht. Im Grunde sind die Voraussetzungen günstig: noch nie war die Arbeitslosigkeit so hoch und noch nie war das Einkommen weiter Teile der Bevölkerung so niedrig wie heute…“

Wer nun hinter Latin Quarter revolutionshungrige Spät-Hippies sieht, liegt falsch. Keine Propaganda, sondern vielmehr ‚Kommentare zur Lage‘ wollen sie geben, einen Finger legen auf die wunden Punkte unseres gesellschaftlichen Lebens.

„Traurigkeit und Wut sind die Gefühle, die Popmusik seit Jahrzehnten hörenswert macht.“ sagt Steve Skaith. „Ob der Song nun über eine unglückliche Liebe handelt oder über den Rassismus in Südafrika wie in ‚Radio Afrika‘.“

Er selbst liebt die Musik von Alison Moyet und Paul Young über alles. Latin Quarter wird auch in Zukunft für so manche musikalische Überraschung gut sein. Steve Jeffries spielte zusammen mit Howard Jones, Schlagzeuger Rikki Stevens mit Linton Kwesi Johnson bzw. ‚Annabel Lamb‘ und Carol Douet und Yona Dunsford, sammelten ihre ersten Erfahrungen in dem viel beachteten Frauenvocal-Trio ‚Soft Touch‘.

„Es ist heutzutage sehr schwierig. Pop mit politischen Texten zu vermengen.“ sagt Mike Jones nachdenklich. „Doch ich vertraue Steve. Er hat einen Riecher für aktuelle Sounds. Wer weiß, vielleicht klingen wir bald wie eine Mischung aus Bruce Springsteen und den Eurythmics…“

THOMAS BORK; ROCKSPEZIAL 1985

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