The Latin Quarter Story - Teil zwei

Live und weitere Plattenprojekte

Der Single-Erfolg von "Modern Times" bescherte der Band schnell eine feste Fan-Gemeinde in England und Deutschland. Ihr Aktionsfeld waren kleine bis mittlere Auditorien mit einem Fassungsvermögen von ca. 1000 Leuten. Das Publikum bestand aus Jugendlichen bis Twens, die die Songs der Band umzusetzen wußten, muksmäuschenstill sein konnten während Songs wie "Cora" oder "Eddie" leise vorgetragen wurden, aber auch begeistert mitgingen, wenn Songs wie "Modern Times" oder "Truth About John" für Stimmung sorgten.

Latin Quarter auf der Bühne war ein Live-Ereignes erster Güte. Der gestandene Steve Skaith führte durch das Programm, war ein sicherer und sympathischer Performer. Kollegial wechselten sich die Gesangssolisten ab. Die dunkelhäutige Sängerin und Percussionistin Carol Douet präsentierte mit angenehm weicher, etwas tieferer Stimme Songs, die Mike Jones direkt auf sie zugeschnitten zu haben schien: "No Rope As Long As Time", "The Freight Elevator" und "The Men Below" waren ihr Metier. Die junge Yona Dunsford spielte Keyboards und war für Songs wie "The Night", "The New Millionaires", "Burn Again", "Cora" oder "I Together" verantwortlich. Bei Steve Skaith' Vorträgen bildeten die Damen gleichzeitig den Chor. Das alles erzeugte eine Kraft, ein Engagement und eine Glaubwürdigkeit, die das Publikum zu Beifallsstürmen bewegte. Stellenweise erhielt die Band Ovationen, die minutenlange Konzertunterbrechungen zur Folge hatten. Erst nachdem das Publikum seine Anerkennung voll ausgeklatscht hatte, konnte mit dem nächsten Titel fortgefahren werden.

Die anderen Musiker nahmen an den Gesangsparts nicht teil. Sie hatten an dem live Erfolg durch ihre gefühlvolle und ausgereifte Instrumentierung jedoch entscheidenden Anteil. Steve Skaith ließ bei seinen Interpretationen leider allzu oft den Eindruck aufkommen, er würde sich zu sehr mit der Depression der Texte identifizieren. Mit seinem weinerlichen Gesang überspannte er den Bogen dann doch ein wenig.

Latin Quarter waren immer bestrebt, dem Publikum das Optimale für sein Geld anzubieten. Nahezu jede Single und jede Maxi-Single enthielten zusätzliche Songs, die auf den LP's nicht zu finden waren. Schon nach der zweiten LP hatten sie alleine als Zusatztracks so viele Songs veröffentlicht, daß diese leicht für eine dritte LP gereicht hätten.

Richtig war, daß die Gruppe nach dem Erfolg der ersten LP zwei Jahre wartete bis sie die nächste veröffentlichte. "Mick And Caroline" hieß das Werk mit zehn erneut unwiderstehlich guten Songs: "Nomzamo" ist der zweite Vorname Winnie Mandelas, der Jones diesen Song widmet. In "The Men Below" erzählt Carol Douet die Geschichte der englischen Bergarbeiter, die verzweifelt und doch vergeblich versuchten, ihre Arbeitsplätze zu erhalten. "Burn Again", ein großartiger Song über die Probleme Nicaraguas: "Muß Nicaragua wieder brennen, weil es den USA danach ist, wiedergeboren zu werden? Die USA spielen mit Mittelamerika, als wäre es ein Spielautomat." Ein deprimierender Text, zweifellos gehört er zu Jones' besten Lyrics. Den Song singt Yona Dunsford. Auch mit der LP "Mick And Caroline" bietet die Gruppe herausragende Musik und Lyrics.

Die Deutschlandtournee 1987, verbunden mit vielen Fernsehauftritten war ein weiterer Höhepunkt. 1989 brachte die dritte LP "Swimming Against The Stream" entscheidende Veränderungen für Latin Quarter. Keyboarder Martin Lascelles und Sängerin Carol Douet liierten (Are you sure this is a word?! Never heard of it and it's not in the Duden! But then, no word I look up because I don't know the meaning ever is…) sich und schieden aus der Band aus. Der Ausfall der Sängerin war für die Gruppe nur schwer zu verkraften. Zwar war man klug genug keine Nachfolgerin zu verpflichten, doch Steve Skaith und Yona Dunsford konnten die auf Carol zugeschnitten Songs nicht mehr so überzeugend interpretieren. Wichtige Songs wie "No Rope As Long As Time" ließ man im Konzert ganz weg - auch richtig. Aber das Konzept wackelte.

Die LP "Swimming Against The Stream" enthielt wieder die bewährten Lyrics von Mike Jones, der sich nun auch anderen Themen zuwandte, wenn auch das Thema Apartheid im Vordergrund blieb. Herausragend hier der Song "Slow Waltz For Chile": "Ein Lied über die Arbeit in Solidaritätskampagnen für den Sozialismus unter Allende und gegen die Diktatur unter Pinochet in Chile." (So die Erläuterung zum Text auf der LP-Beilage).

In "Dominion" legt Jones schonungslos die Verbrechen der Menschen an den Tieren offen. Der Song wurde auch als Titelmelodie des Dokumentarfilmes "Wir töten was wir lieben" verwendet. Peinlich geriet aber die deutsch gesungene Single-Version von "Dominion", die man kaum verstehen konnte. So ist es Skaith nicht vorzuwerfen, daß er die deutsche Sprache nicht beherrscht, nur hätte er es besser unterlassen sollen eine solche Produktion aufzunehmen.

"Swimming Against The Stream" zeigte trotz erneut guter Songs, daß der Gruppe keine lange Existenz beschieden sein würde. Zu sehr drängte sich nun Steve Skaith als Sänger in den Vordergrund. Die verbliebene Sängerin Yoga Dunsford kam kaum noch zu Wort. Skaith wurde bei seinen Interpretationen immer depressiver und glaubte darin die hohe Kunst bieten zu müssen. Das einst so erfolgreiche Latin Quarter-Konzept hatte sein Ende gefunden.

Ende 1989 erfüllte die Band noch einige vertragliche Verpflichtungen, speziell für das Fernsehen und um noch die Singles "Dominion" und "I Together" zu promotion. Danach wurde die Auflösung bekanntgegeben. Steve Skaith und Yona Dunsford wollten zwei neue Gruppen gründen, Mike Jones wollte weiterhin für beide seine Lyrics schreiben.

Im Oktober 1990 kam aber überraschend noch eine LP mit dem Titel "Nothing Like Velvet" auf den Markt, die teils unveröffentlichte Demosongs, teils Live Titel enthielt. Neben sehr schönen Songs wie "The Colour Scheme" und "The Big Pool" kamen auch unverständlich schwache Live Versionen von "Snow Blind" und "See Him", sowie unausgereifte Demos von "Nothing Like Velvet" oder "February 1990" auf die CD, die mit 20 Songs eine Spieldauer von 68 Minuten hatte und so die Schwächen wieder wettmachte. Dem Coververmerk nach war die Band mit Veröffentlichung dieser Songs einverstanden. So sehr man sich über das Angebot alternativer und unveröffentlichter Titel freuen sollte, so darf aber auch nicht außer acht gelassen werden, daß nach drei großartigen LP's die Schaffensperiode von Latin Quarter makellos gewesen wäre. Die vierte, vielleicht aus Vertragsgründen, veröffentlichte LP mindert den Gesamteindruck etwas.

Völlig unvermittelt brachte BCM-Records im Herbst 1991 eine CD mit vier verschiedenen Radio Africa Versionen heraus. Gleichzeitig kam RCA ebenfalls mit einer 4-Track-CD auf der widerum drei Radio Africa Versionen und der bisher unveröffentlichte Titel "Older" waren. Ein Zeichen für eine neue Latin Quarter Ära oder nur ein Griff in die Vorratskiste? Wer wies es!?!

1991: Mandela ist frei, seine Frau etwas in Mißkredit geraten - sollten damit Mike Jones und Latin Quarter ihre Pflicht erfüllt haben und ihr Rückzug von den Konzertsälen berechtigt sein? Gerade das ist nicht der Fall!

Mit Latin Quarter wurden die ansonsten musikalisch eher ideenlosen 80er Jahre so eindrucksvoll bereichert, daß es schwerfällt auf sie zu verzichten. Mike Jones sollte noch genug Themen finden, die Öffentlichkeit weiterhin wachzurütteln. Apartheit und Ungerechtigkeit. Korruption und Machtgier werden weiterhin unendlich viel Schmerz bereiten. Jones und die Sänger und Musiker, die seine Lyrics verbreitet haben, leisteten einen wichtigen Anteil um die Menschen wenigstens zum Nachdenken anzuregen.

Der dritte und letzte Teil der Latin Quarter Story folgt im nächsten GOOD TIMES. Obwohl die Band nur 4 LP's veröffentlichte, brachte sie noch sehr viele Singles, Maxi-Singles und CD-Singles, die so viel erwähnenswertes Material enthalten, daß der dritte Teil ganz der Latin Quarter Diskografie gewidmet ist.

von Peter Seeger © GOOD TIMES, AUSGABE NR. 2, JUNI 1992