Latin Quarer Biographie

Laut der kurzen Anmerkung auf dem Cover des Albums "Radio Africa" waren Latin Quarter eine unterschätzte musikalische Kraft der 80er Jahre. Man fragt sich was Mike Jones und Steve Skaith wohl dachten als sie das gelesen haben, in Anbetracht der Tatsache, daß zwei ihrer Alben während dieses Zeitraumes tatsächlich von ihren eigenen Plattenfirmen vernichtet wurden, auch wenn eines dieser Alben, "Swimming Against The Stream", eine glänzende Kritik in einem nationalen Musikmagazin erhielt. Und nicht zu vergessen ist, das zwei der besten Latin Quarter-Alben während der 90er Jahre veröffentlicht wurden.

Latin Quarter wurden im August 1983 gegründet und bestanden anfänglich aus Mike Jones (Texte), Steve Skaith (Gesang, Gitarre) und Richard Wright (Gitarre). Sie bilden seitdem auch das Rückgrat von Latin Quarter. Mike Jones und Steve Skaith, beide Mitglieder von `Big Flame´ (einer politischen Organisation, die sich mit sozialer Gerechtigkeit befaßt), begannen eigentlich schon zwei Jahre vor der Formierung der Band mit dem Schreiben und mit Heimaufnahmen. Phil Ochs sagte, daß die Basis seines Songschreibens dies war: "Eine Broschüre, ganz egal wie gut sie auch ist, wird nie mehr als einmal gelesen, aber einen Song lernt man auswendig und wiederholt ihn immer wieder." Diese Wahrheit war eine der treibenden Kräfte für Mike Jones und Steve Skaith.

Die Verstärkung der Band durch Yona Dunsford (Gesang, Keyboard) und Carol Douet (Gesang), im Dezember 1983, hatte einen großartigen Einfluß auf den Sound von Latin Quarters frühen Alben. Als im September 1984 die Single "Radio Africa" veröffentlicht wurde, hatte sich die Band gerade weiter verstärkt mit Greg Harewood (Bass), Steve Jeffries (Keyboard) und Rikki Stevens (Drums).

Rockin` Horse Records, ein Teil der Arista-Gruppe, sahen das Potential von Latin Quarter und nahmen sie unter Vetrag. Ihr Vertrauen war mit der Veröffentlichung des kritischen und umjubelten Debütalbums "Modern Times", im September 1985, völlig gerechtfertigt. Musikalisch war "Modern Times" sehr verschieden - Rock, Reggae, Dance und Balladen. Genauso verschieden wie die Musikstile waren auch die Themen der Songs. Seite 1 behandelte den McCarthy-ismus, Gewalttätigkeiten beim Fußball, Imperialismus in Afrika, Rassismus und die sozialen Übel in den USA. Durch die auffallende künstlerische Gestaltung von James Swinson bleibt "Modern Times" ein Klassiker.

Innerhalb von Sekunden, nachdem der erste Song beginnt, der Titelsong "Modern Times", ist deine Aufmerksamkeit ergriffen durch die dringende Bitte eines Mannes, vor dem Ausschuß für Nichtamerikanische Aktivitäten, angehört anstatt verunglimpft zu werden. Dann erzählt der Song die Geschichte der Anti-kommunistischen Hexenjagd in den 50er Jahren in Amerika, welche auch als McCarthy-ismus bekannt ist. Oberflächlich betrachtet nicht gerade die inspirierendsten Geschichten um darüber zu singen, aber die Zusammenarbeit von Mike Jones und Steve Skaith war darauf aufgebaut. Sie zeichnete sich dadurch aus, einprägsame und Auftrieb gebende Songs, von scheinbar schwierigen Geschichten wie dieser, zu produzieren. Der Song "Modern Times" selbst ist hervorragend, aber er ist lediglich nur einer von mehreren Klassikern auf dem Album, einschließlich "America For Beginners", "Radio Africa", "No Rope As Long As Time" und "New Millionaires".

Aufgrund der Art der Tagesrundfunksendungen in Großbritannien, konnte "Modern Times" leider nie von vielen möglichen Plattenkäufern gehört werden. Ein gutes Beispiel dafür war auch der Nachfolger "America for Beginners". Der Song erhielt hervorragende Kritiken vom Moderator und allen Musikern der Radioshow `Plattenkritik´ auf Radio1, war aber tagsüber nicht im Rundfunk zu hören, was jedoch die Voraussetzung für einen Charterfolg gewesen wäre. Dieser Song zeigte auch das Latin Quarter wahrscheinlich nicht über einen Erfolg auf dem amerikanischen Markt besorgt waren. Sogar als "Radio Africa" zum drittenmal in den Charts war, im Februar 1986, wurde das Album nicht durch die Plattenfirma gefördert. Obwohl sich "Modern Times" in Europa gut verkaufte und in mehreren Ländern, einschließlich Deutschland, in den Top 20 war, erzielte es in Großbritannien nicht den gleichen Erfolg.

Für ihr zweites Album, "Mick And Caroline" (erschienen 1987), wurden Steve Jeffries und Richard Stevens durch Martin Lascalles (Keyboard) und Darren Abraham (Drums) ersetzt. Textlich ist "Mick and Caroline" sogar stärker und vielfältiger als "Modern Times". Die Themen behandelten u.a. Billie Holiday, Krieg, Nicaragua und den Kohlenbergbau. Der konventionellere Pop-Sound paßte sich nicht immer dem Gesangsstil von drei Sängern an. Trotzdem enthält dieses Album einige ihrer besten Songs: "Burn Again", "Remember", Love Has Gone", und "The Men Below".

Rockin` Horse Records veröffentlichten 6 Songs vom Album "Modern Times", manche sogar mehr als einmal, jedoch wählten sie nur 2 von "Mick And Caroline" zur Herausgabe aus, von denen einer nicht einmal als CD-Single veröffentlicht wurde. Mit derart wenig Unterstützung durch Rockin` Horse Records war es auch keine Überraschung, daß das Album nicht viel erfolgreicher als sein Vorgänger war. Wegen des fehlenden kommerziellen Erfolgs, welcher die Existenz einer achtköpfigen Band gerechtfertigt hätte, verließen drei Mitglieder, Martin Lascalles, Darren Abraham und Carol Douet, die Band.

Nachdem sie bei RCA einen Plattenvertrag unterschrieben, veröffentlichten Latin Quarter 1989 "Swimming Against The Stream", ein Album randvoll mit einprägsamen Melodien und Texten, bei dem der Gesang vielleicht sogar der Beste war, den sie jemals aufgenommen haben. Kein besseres Beispiel dafür können "Race Me Down" und der Titelsong sein, in denen Steve Skaith und Yona Dunsford wunderbar miteinander harmonieren. Es ist schwer über die Rezension des Albums durch den Musikkritiker John Aizlewood in dem nationalen Musikmagazin `Inspired´ zu streiten. Mit der Unterstützung von RCA hätte das Album "Swimming Against The Stream" der Durchbruch für Latin Quarter in Großbritannien sein können, wie auch immer, nur der Titelsong wurde als Single veröffentlicht und RCA entschieden sich das Album nicht zu vermarkten. Es schien als ob RCA darüber besorgt waren, das die wöchentlich erscheinenden Musikmagazine das Album nicht besprachen, aber Latin Quarter beschäftigten sich nicht mit `NME´ und `Melodie Maker´, sondern sie beschäftigten sich mit ihrer Musik. In Wahrheit aber wußten RCA, wie auch die vorherige Plattenfirma, einfach nicht, wie Latin Quarter richtig zu vermarkten waren.

Durch das Versäumnis von RCA, "Swimming Against The Stream" zu unterstützen, war es auch kaum überraschend, das sich Latin Quarter vom Unternehmen trennten. Sie unterzeichneten schnell bei RCA-Deutschland, in der Tat zu schnell, weil verschiedene Probleme bedeuteten, das sie kein neues Album aufnehmen würden. Dafür aber erschien 1990 das zusammengestellte Album "Nothing Like Velvet". Das Album ist eine kuriose Zusammenstellung von Demos, Live-Aufnahmen, Neuaufnahmen, Nicht-Album-Songs (B-Seiten), Remixen und bekannten Favoriten. Höhepunkte sind der Titelsong, eine Neuaufnahme von "Truth About John" und die populäre B-Seite "Pyramid Label". Alle drei Songs erinnern stark an den Sound von "Modern Times". "February 1990" ist ein weiterer Höhepunkt, ein Klagelied über die Wahlniederlage der Sandinisten in Nicaragua im Jahre 1990. Die Cover-Notizen auf "Nothing Like Velvet" wiesen darauf hin das dies das letzte war was wir von Latin Quarter gehört haben, vorausgesetzt das sich, trotz ihrer Probleme, keine neue sympathische Plattenfirma mehr finden läßt, die sie vor weiteren Blamagen bewahrt.

Innerhalb eines Jahres wurde ihr bekanntester Song "Radio Africa" mit Hilfe der Bhundu Boys aus Zimbabwe überarbeitet. Die überarbeitete Version konnte zwar das Original nie erreichen, aber es hat seinen Wert. Interessanter für Latin Quarter Fans ist die B-Seite "Older", welche 6 Jahre später auf dem Album "Bringing Rosa Home" wieder erschien. 1992 folgte eine kurze Deutschland-Tour, zur Unterstützung von Amnesty International. Bei dieser Tour bestand die Band nur noch aus den 3 Originalmitgliedern, nachdem sie Yona und Greg verloren.

Zur Überraschung der Fans waren Latin Quarter 1993 mit dem neuen Album "Long Pig" (in Großbritannien 1995 erschienen) zurück, das bei dem deutschen Plattenlabel Cloud Nine Records veröffentlicht wurde. Bedeutend war auch das Yona Dunsford zurückgekehrt war, um Steve gesanglich bei mehreren Stücken zu unterstützen. Musikalisch ist das Album ihr abenteuerlichstes seit "Modern Times". Der Sound erinnert an "Swimming Against the Stream", während die Songs "Bitter To The South" und "Church On Fire" (in Zusammenarbeit mit den Bhundu Boys) dem Album eine afrikanische Note verleihen, fügt der Gospel-Song "Like A Miracle" noch eine weitere Stilvariante hinzu. Textlich ist "Long Pig" genauso inspiriert wie "Swimming Against The Stream". Songs wie z.B. "Phil Ochs", "More Than A Trace" und "The Hoopoe" zählen sicherlich mit zu den besten Texten von Mike Jones. In Anbetracht der Probleme, seit der Aufnahme von "Swimming Against The Stream", ist es bemerkenswert wie "Long Pig" klingt. Offensichtlich genossen Steve Skaith und Richard Wright die Freiheit das Album selbst produziert zu haben.

Noch einmal verschwanden sie bis zur Veröffentlichung der passend benannten Single "Surprised" im Jahre 1997, dem ersten Song des neuen Albums "Bringing Rosa Home" , das bei dem deutsche Plattenlabel SPV erschien. Das Album ist weniger direkt als seine Vorgänger, aber es wächst je öfter man es sich anhört. Es ist bis jetzt ihr bei weitem persönlichstes Album, wie Mike Jones in seinem Interview mit 'Consumable' erklärte. Da Mike Jones's Begeisterung für das Schreiben abnahm, sind nur noch drei der acht von Jones verfaßten Songs neu: -"Surprised", "Ocean Head" und "Help Is On Its Way". Als Ergebnis davon schrieb Steve Skaith die Texte zu vier von den zwölf Album-Songs, aber die Verbindung zwischen ihnen ist so eng, daß es einem schwer fällt zu erraten, wer welchen Song geschrieben hat. Textlich sind "Surprised" und "The Spearcarrier" die Album-Highlights und demonstrieren weiterhin die Vielseitigkeit von Jones und Skaith als Songschreiber. Die zwei weiteren Single-Veröffentlichungen dieses Albums, "Angel" und "Branded" sind die kommerziellsten die Latin Quarter seit "Radio Africa" veröffentlicht haben. Es war zweifellos richtig von Mike Jones sie zu ermutigen persönlichere Songs zu schreiben, falls Latin Quarter dadurch ein breiteres Publikum erreichen kann. Richard Wright's Produktion ist außerdem hervorragend, besonders weil er sich nicht auf Yona Dunsford berufen konnte und dadurch benachteiligt war. Ihr Gesang hätte mehreren Songs des Albums Wärme hinzugefügt, wie z.B. "Older", obwohl die 1997er Version unbestritten besser produziert ist als die 1991er Version.

Dasselbe Jahr erschien auch das zweite zusammengestellte Album "Radio Africa". Wie auch "Nothing Like Velvet", berichtet das Album über den Zeitraum 1985 - 1990, hat aber einen größeren Anklang gefunden. Wie bei jedem zusammengestellten Album läßt sich über die Auswahl der Songs streiten, aber insgesamt ist es eine faire Darstellung der Aussagen der Gruppe währen dieser Zeit. Für Leute die nur mit "Radio Africa" und "America For Beginners" vertraut sind, ist dieses Album ein "Muß", da neben diesen Songs auch viele weitere Klassiker, wie z.B. "Cora" und "Burn Again" enthalten sind. Auch mehrere B-Seiten wie "The Colour Scheme", "Ed Murrow" und "Sandinista" demonstrieren die Qualität und die Tiefe des Latin Quarter-Materials, weil keiner dieser Songs, inmitten der vertrauteren, unangebracht ist. Wenn dieses Album die Leute ermutigt Latin Quarter's Hintergründe herauszufinden, dann kann man die völlig unangemessene CD-Broschüre fast schon verzeihen. Das Album endet mit "Swimming Against The Stream", dessen Titel die ganze bisherige Geschichte von Latin Quarter zusammenfaßt.

In der Zukunft hoffen wir eine verständlichere und eingehendere Geschichte der Band veröffentlichen zu können.